Hier nur für DICH: Exklusiv Kapitel 1 aus dem Buch “Mein erster Mord”.

KAPITEL 1:

Ich bin nicht kriminell. Nein. Ich bin auch nicht wahnsinnig oder verrückt und doch möchte ich einen Mord begehen. Aber mal zurück an den Anfang. 

Ich heiße Thomas, bin 34 Jahre alt und bin, wie die Gesellschaft sagen würde, ein Durchschnittsbürger. Keine besonderen Fähigkeiten, aber auch nicht dumm oder ungebildet, habe eine zuckersüße Freundin und plane, eine Familie zu gründen. Während meines Fernstudiums, welches ich im Sommer vor zwei Jahren begann, dachte ich das letzte Mal konkret daran, wie es wohl ist, jemanden umzubringen. Der Grundgedanke verfolgt mich schon mein ganzes Leben. 

Jetzt würde man wohl denken, dass ich jemand bin, der Leid und Wut und Hass in sich trägt, und doch kann ich vorab gleich sagen: Nein – so ein Jemand bin ich nicht. Ich bin ruhig, besonnen, weiß es, mich zu kleiden, und drücke mich eloquent aus. Meine Gedanken sind meistens bei meiner Freundin Julia, meinem Kumpel André und unserer Katze Lilly. Wir bilden derzeit eine tolle Truppe und genießen unser Leben. 

In meiner Freizeit bin ich gerne unterwegs und versuche, meine Gedanken mit vielen Dingen, die die Welt bereitstellt, zu füllen. Ebenso reise ich gerne. Voriges Jahr waren wir gemeinsam in Marrakesch und in Thailand. Dort gab es tolle Segelboote und wir konnten schnorcheln. Also in Thailand – nicht in Marrakesch, dort war mehr City und weniger Wasser angesagt. Die Hitze und das damit verbundene Schwitzen waren nicht so das Problem, sondern eher das allgemeine Klima. Ich bin sonst nicht wetterfühlig und große Schwankungen machen mir nichts aus und doch war das teilweise zu viel für mich und meinen Körper. An einem Tag lief alles gut und wir waren unterwegs und hatten unseren Spaß. Am nächsten Tag konnte ich kaum gehen und meine Augen taten weh. Ich musste mich hinlegen. Ein ungewohntes und doch angenehmes Gefühl – manchmal –, wenn man dadurch merkt, dass der Körper irgendwie noch lebt. Dass man selbst noch lebendig ist. 

Nun gut. Als Julia und ich also in Thailand waren und wir dort aus kleinen Kokosnuss-Schalen leckeren Saft schlürften, begann erneut mein Gedanke. Wie ist es, ein Leben auszulöschen?

Was passiert mit den Menschen, die mit dieser Person verbunden sind? Man tötet ja nicht nur eine Person, sondern gleich eine ganze Meute mit. Ich überlegte die ganze Zeit, ob ich Julia von meinen Gedanken erzählen sollte oder nicht. Eines Abends nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und bat Julia um ein Gespräch. Sie war ganz außer sich und freute sich. Sie nahm wohl an, dass ich ihr einen Antrag machen wollte. Wir saßen also am Strand, die See schwappte entspannt hin und her, die Sonne senkte sich und wir schauten uns an. Ich sagte zu ihr, dass ich da einen Gedanken habe, der mich nicht mehr loslässt. 

Sie unterbrach mich und meinte, dass sie bereits wisse, was ich meine, und dass sie JA sagen werde, da sie mich genauso liebe wie ich sie. 

Ich war doch etwas perplex und konnte jetzt nicht mehr zurückrudern, also willigte ich ein und meinte, dass ich genau DAS jetzt hätte fragen wollen. Sie war überglücklich und erzählte mir, dass sie schon länger den Gedanken „Ehe“ habe, aber nur die konservative Rolle kenne, dass das Männersache sei zu fragen, und jetzt so froh darüber sei, dass wir nun endlich soweit seien. 

Ich grinste nur etwas verschmitzt und hoffte, dass die Situation schnell wieder vorbei ist. 

Also beim nächsten Mal Sonne, Strand und Palmen würde ich es erzählen. Ganz bestimmt sogar. 

Zwei Wochen später waren wir zurück im kalten Deutschland. Draußen peitschte der Regen und wir saßen an einem Sonntag zusammen in unserer kleinen 40-qm-Wohnung und hörten Entspannungsmusik. Julia hatte irgendwann angefangen, ein Faible für diese Art von Musik zu entwickeln, und so hörte sie dieses Gedudel den ganzen Tag. Morgens und abends. 

Da wir derzeit beide noch Urlaub hatten, hörte ich also fast 18 Stunden am Stück nur Saxophone und Gitarre und eine leichte Frauenstimme, die dazu ein paar Liedtexte sprach. Anfangs war das noch Entspannung, aber jetzt hätte ich meinen Plan von dem Mord umsetzen können und dann hätte ich auch meine Ruhe wiedergehabt. Aber naja. Wie sollte ich die Frau im Radio da einfach umlegen? Geht ja gar nicht. Ich fragte Julia, ob wir nicht was anderes hören könnten. Sie meinte, dass das ja gleich vorbei sei und sie noch eben schnell ihr Yoga zu Ende machen wolle. That’s it, meinte sie. 

Ok – danke – nein – ich – muss – das – jetzt – ausstellen. 

Ich ging also zum Radio und stellte es aus. Ende vom Gedudel. Danke. Meine Ohren waberten noch etwas, weil ich die Musik einfach nicht aus dem Kopf bekam, und doch war die Stille toll. Nun hörte ich aber auch wieder die Autos und die Menschen über mir. Wir wohnen ja in einer kleinen Wohnung, Altbau, dritter Stock. Da hört man schon mal Gestöhne und auch die Waschmaschine, wenn sie bullert. Aber auch das – alles keine große Sache. 

Am Montag ist der Urlaub vorbei. Ich arbeite als Paketlieferant für einen mittelgroßes Unternehmen. Ja genau, DIE Zweite-Reihe-Parker. Die, die euch immer den Weg versperren, die, die euch nerven, wenn ihr nicht über Kirschgelb über die Ampel fahrt, und dann noch hupen. Aber auch DIE, die eure scheiß Pakete durch den Schnee und Winter tragen, während ihr euch im Bademantel an den Kamin setzt, Fotos von euren Puschen macht und dann bei Instagram postet, dass es doch nun so verdammt kalt draußen ist und ihr ja so schrecklich friert. Geht sterben. Sorry. Das war gerade vielleicht ein Satz zu viel „Hass“. Ich bin meistens entspannt, aber mal ehrlich, liebe „Besteller“ von kleinen Paketen. Wenn ihr euch Produkte kauft, die ihr auch in jedem Supermarkt bekommt, den ihr sowieso auf JEDEM Weg habt, wenn ihr zur Arbeit oder zu anderen Dingen fahrt, wieso müsst ihr das dann auch noch online kaufen? Parkt kurz, geht in den Laden und interagiert mit den Leuten dort. Dann seht ihr auch mal, was von der realen, echten Welt und nicht nur die geschönte Instagram-Wanna-be-famous-Seite der ganzen internationalen Stars. Und wenn ihr es nicht machen wollt, dann seid wenigstens so klug, zu verstehen, dass das alles Werbung ist, was ihr da seht. Die dort manipulieren euch und eure Gedanken mit Bildern, die nicht echt sind, um euch Produkte aufzuschwatzen, die ihr nicht braucht und – und jetzt kommt es – die ich liefern muss. Ihr seid stinkig, weil wir alles zuparken, und doch sind wir es, die von euch gerufen sind. 

Aktion – Reaktion. Eine Lehre, die ich wohl demnächst noch öfter mitbekommen soll.

Am Ende eines jeden Tages bin ich zumindest froh, dass ich wieder daheim bei meiner Liebsten bin. Nur schade, wenn ich heimkomme und dann wieder der CD-Player mit der tollen „Dudelmusik“ läuft. Ich bekomme dann kurzfristig ein Zucken im Auge und denke mir: „Mord, wo bist du? Hast du Lust, jetzt herauszukommen? Hier bin ich!

Wenn ich mir vorstelle, dass ich jemanden vor mir stehen habe, den ich umbringen möchte, dann muss ich das ja auch wirklich aktiv tun. In meinen Gedanken gehe ich die Sachen auch schon ab und zu durch, aber wieso eigentlich? Ich meine, was bringt mich intelligenten, mittelalten, durchschnittlichen Paketauslieferer dazu, solche Gedanken zu haben? Ist es Macht? Ist es Verzweiflung? Ist es der Trieb nach etwas Neuem oder ist es die Neugierde, wenn man das letzte Stück Leben aus einem rausquetscht? 

Der Gedanke, dass da jemand vor mir liegt oder steht und ich ihn auslösche, sorgt in meinen Gedanken für einen regelrechten Adrenalinstoß. Ich sehe mich in einem Raum voller Plastikplanen, einem Tisch, Mordwerkzeug und diversen Schläuchen und Eimern. Dann kommt ein kurzer Moment, in dem sich mein Gewissen meldet und meint, dass das ja alles völlig hirnrissig sei und man doch bitte sofort damit aufzuhören habe. 

Julia sitzt breitbeinig auf einem Stuhl und zündet sich die Zigarette an, die sie seit zehn Minuten dreht. Sie sitzt dort und beobachtet die Flamme, wie sie sich langsam durch die Zigarette arbeitet. Sie genießt jeden Zug, als würde ihr Leben davon abhängen. Wobei – sie ist abhängig davon. Also hängt sie daran. Vielleicht nicht ihr Leben, aber sie hängt dran. Manchmal schnappt sich Julia einfach eine Zeitung, setzt sich auf einen Hocker, der megaunbequem ist, und liest Zeitung. Auf die Frage, wieso sie denn nicht aufs Sofa geht, meint sie schlicht, dass es doch hier auch mal ganz nett sei und sie auch mal neue Wege gehen wolle und nicht festgefahren wirken wolle. 

Wir reden von einem Sofa. Also Hinsetzen auf ein Sofa und mehr nicht. Nun gut. Sie ist eine sonderbare und gleichzeitig wunderbare Frau. Bald meine Frau – wie sie entschieden hat. 

Ab und zu mache ich ihr Komplimente. Sie ist schlank und adrett, liebt es, enge Sporthosen anzuziehen, durch die man ihre Arschbacken wunderbar abgemalt sieht. Es wirkt manchmal wie ein Bodypainting, wenn man das so sieht, und doch weiß ich, dass sie die nur trägt, weil sie damit auffällt. Wenn sie wenigstens Sport treiben würde, wäre das ja was. 

Ich trage Jogginghose. Oft. Manchmal nur. Gehe nie joggen. Ich finde das ok. 

Auf der Trage liegt jemand. Ein Mann oder eine Frau? Ich kann es nicht sehen. Er oder sie ist hellhäutig. Aber wieso? Wieso setzt meine Phantasie voraus, dass ich nicht weiß, ob er oder sie – aber hellhäutig? Nehme ich ein Messer oder die Hände? Bin ich vorher böse oder lieb zur ihr oder ihm? Sage ich noch die berühmten letzten Worte oder erledige ich es einfach? 

Julia und ich sind seit einigen Jahren glücklich und so richtigen Streit gab es bisher noch nicht. Sie ist eher die Kumpel-Frau, die man sich immer wünscht. Wenn jemand von den besten Freunden eine neue Freundin hat und diese dann zu einer Feier mitkommt und sie anschließend ohne Flirtmodus entspannt mit allen redet und man den ganzen Abend Spaß hat mit ihr. So eine Frau ist das. Nur dass sie eben meine ist. Wir verstehen uns blind. Manchmal verbinden wir uns die Augen, laufen nackt durch die Wohnung und versuchen, uns zu finden. Dann sieht man sich mit den Händen und versucht, die andere Person zu ertasten. Sehr erfrischend. Julia kann ein Miststück sein. Wenn ich das will. Sie wird dann richtig zur Furie und bricht aus ihrem tollen „Ich bin ja so lieb“-Image heraus und ist nur bitchig und total böse drauf. Ich stehe darauf. Manchmal. Hin und wieder haben wir geilen Verkehr in diesem Modus. Dann lieben wir uns über Stunden und sie kann nicht genug haben. Irgendwann kann ich nicht mehr. Sie macht dann oft alleine weiter, bis ich wieder einsteige. Mann, ist das eine Maschine. 

Ich muss arbeiten.